Leseproben

"Graues Land" - Trilogie

Die Legende von Arc´s Hill

Weitere Romane, Novellen und Serien.

GRAUES LAND - Die Serie Teil 2 "Im Reich der Kjell" von Arthur Gordon Wolf


»Glaubst du an Gespenster?«
Cathy schüttelte nur leicht den Kopf. Ihre blonden Zöpfe gerieten dadurch kaum in Schwingungen. Wie geflochtene Lote, an deren Enden blaue Schleifen befestigt waren, fielen sie auf ihre Schultern herab.
»Du hast also keine Angst davor?«
Wieder nur das stumme Kopfschütteln.
»Ganz ehrlich?«, insistierte Mallenroh. »Du kannst es mir gegenüber ruhig zugeben. Es erfährt ja sonst niemand.«
Diesmal machte sich Cathy nicht einmal mehr die Mühe, ihren Kopf zu bewegen. Scheinbar gelangweilt blickte sie zum Fenster hinüber. Viel sehen konnte sie dort nicht. Vor einer Woche hatte Mallenroh alle Fensteröffnungen mit dicken Brettern zugenagelt. Das Tageslicht drang seitdem nur noch in winzigen Strahlenscheiben in den Raum. 'Wie hauchzart geschnittener Cheddar', dachte Mallenroh. 'Leuchtender Cheddar.' Sie konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann sie zum letzten Mal ein Sandwich mit gegrilltem Cheddar, Tomaten, Zwiebeln, knusprigem Schinken und jeder Menge Mayonnaise gegessen hatte. Obwohl sie erst 15 war, kam es ihr wie hundert Jahre vor. Mindestens.
Mallenroh seufzte. Erinnerungen schmerzten. Jede Art von Erinnerung. Zu dumm, dass man sie nicht einfach aus dem Kopf entfernen konnte.
Ihr Blick wanderte vom Fenster zu Cathy hinüber. Sie konnte von ihrer Freundin kaum mehr als einen Umriss erkennen, doch das störte sie nicht. Sie hatte sich an das Zwielicht gewöhnt. Auch ohne die Bretter wäre es nur unwesentlich heller gewesen. Die Sonne war auch so eine schmerzliche Erinnerung. Seit dem Tag, an dem alles anders wurde, versteckte sie sich hinter einer dichten grauen Wolkendecke. Oft machte es den Eindruck, als ob sich die Wolken überhaupt nicht bewegen würden. Als ob sie zu einer zähen, festen Masse zusammengeschmolzen wären. Dann aber wieder fegte ein Wind übers Land und zerriss die grauen Ballen zu Fetzen. Selbst dem kräftigsten Sturm wollte es jedoch nicht gelingen, ein Loch in der Decke zu öffnen. Nirgendwo hatte Mallenroh seitdem auch nur das kleinste Fenster von Blau erspähen können. Nur unzählige Abstufungen von Grau, angefangen von Schiefer bis hin zu gefrorenem Eisen. Entsprechend löschte der monochrome Himmel auch die Farben am Boden aus. Wo immer man auch hinsah, überall hatte eine unbekannte Macht alles in Schwarz und Weiß getaucht. Und natürlich in Grau.