Leseproben

"Graues Land" - Trilogie

Die Legende von Arc´s Hill

Weitere Romane, Novellen und Serien.

GRAUES LAND - Die Serie Teil 1 "Träume aus Blut und Rauch"

Mein Vater erzählt mir oft Geschichten aus der alten Welt. Er blickt dann an mir vorbei, zu den Hügeln jenseits der Hütten, oder starrt mit einem seltsamen Glanz in den Augen in den farblosen Himmel.
Der alte Mann redet von Dingen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Regen, der die Welt glitzern ließ, als wären `Sterne vom Himmel gefallen´, wie er sich gerne ausdrückte. Schnee, der jede Farbe und jedes Geräusch wegwischte und dir das Gefühl gab, eine wundersame Welt zu betreten. Er erzählt auch oft von der Sonne und wie es sich anfühlte, ihre wärmenden Strahlen auf nackter Haut zu spüren. Dann geht mein Blick ebenfalls zum Himmel. Ich denke an die dürren Lichtfinger, die vor einigen Tagen das Grau über uns aufgerissen und das trockene Land abgetastet haben. Sonnenstrahlen in der Farbe ausgebleichter Knochen. Ich bin mir sicher, dass es nicht dieselbe Sonne ist, von der mein Vater redet.
Hier gibt es keinen Regen mehr, der die Welt glitzern lässt, nur dunkles, sauer riechendes Wasser, das an manchen Tagen vom Himmel fällt und die Augen tränen lässt. Ebenso keinen Schnee und keinen Sonnenschein. Wenn manchmal etwas Helles durch die Wolken sticht und unser Land in ein merkwürdiges, kränkliches Licht taucht, kommen die Kinder aus den Hütten und beginnen zu tanzen. Ihre ausgemergelten Körper werfen morbide Schatten auf die Erde, als würden sie im Sterben liegen.
Die Alten unter uns fürchten sich vor den dürren Strahlen, die sie mit ängstlichem Blick als Leichenfinger bezeichnen. Warum, haben sie mir nie gesagt. Vielleicht hegen sie tief in ihrem Unterbewusstsein eine andere Erinnerung an die Sonne.
Wir alle fürchten uns vor dem Regen, denn ich habe Menschen gesehen, die daran gestorben sind. Ihre Gesichter wurden schwarz, dort, wo die Tropfen wie düstere Tränen auf die Haut trafen, und im nächsten Moment brachen Wunden auf, die sich an den Rändern schnell grau färbten und den Leidenden entsetzliche Schreie ausstoßen ließen. Schreie, jeglicher Menschlichkeit beraubt. Es sind nur wenige, die derart auf den Regen reagieren, doch niemand von uns will herausfinden, ob er zu den Starken oder den Schwachen zählt.
Wenn mir mein Vater von dem Regen der alten Welt erzählt, versuche ich mir vorzustellen, wie die Kinder der Siedlung darin zu tanzen, das nasse Haar in der Stirn zu spüren und kaltes Wasser auf der Zungenspitze zu schmecken. All die Dinge, die der alte Mann einst getan hatte, als er selbst noch jung war. Doch es will mir nicht gelingen. Es gibt keine Bilder, die ich mir ansehen kann, und an den Geschmack des Regens kann ich mich nicht mehr erinnern, obwohl ich einmal Teil dieser erloschenen Welt war. Alles, was ich mir vorstellen kann, sind schwärende Wunden, wo der schwarze Regen das Fleisch von den Knochen schält, und die Schreie derer, für die der Regen das Ende bedeutet. Ich glaube mittlerweile, dass selbst die Erinnerungen, und seien sie noch so farblos und abgegriffen, diese neue Welt ebenso wenig überlebt haben, wie der größte Teil der Menschheit. Selbst meine eigenen Bilder aus einer Zeit, die es nie gegeben zu haben scheint, existieren schon lange nicht mehr. So sehr ich mich manchmal in den Nächten, wenn es ruhig wird und die Feuer langsam niederbrennen, auch danach sehne, die Bilder meines alten Lebens herauf zu beschwören, es endet stets damit, dass ich in einen finsteren Nebel starre. Es ist, als hätte diese Dunkelheit in mir jeden meiner Schritte, die ich jemals gemacht habe, ausgelöscht, jedes Gefühl, jeden Gedanken. Alles, was mich einmal ausgemacht hat, befindet sich irgendwo jenseits der Schwärze, auf ewig verloren.