Im Herbst 2013 erscheint mein neuer Roman DIE SAAT DER BESTIE im Luzifer-verlag.

 

Vorab schenke ich Euch einen kleinen Einblick.

 

 

David weiß, dass es Samstag ist.

Er hat einen Kalender, streicht jeden einzelnen Tag an. Warum er das tut, weiß er nicht. Vielleicht wird es eines Tages wichtig sein, zu wissen, welcher Tag ist.

Außerdem denkt er, dass es ihm das Sterben erleichtert, wenn er weiß, an welchem Tag es ihn erwischt.

Er hat sich schon oft vorgestellt, dass er an Weihnachten sterben möchte. Als Kind hatte er das Fest geliebt. Die erhabene Stille, die sich über das Land senkt, die Weihnachtslieder, die seine Mutter während des Backens leise summt und der verführerische Duft, der das ganze Haus erfüllt, wenn sie am Abend Plätzchen und Lebkuchen aus dem Ofen nimmt und in eine große Blechkiste mit weihnachtlichen Motiven füllt.

Solche Tage hatten stets einen eigenen Zauber auf David ausgeübt und ihn die Schrecken einer Welt, in der er scheinbar keinen Platz finden konnte, und seinen tyrannischen Vater vergessen lassen. Er war ein anderer Mensch an diesen Tagen gewesen. Fröhlicher, ruhiger und freier.

Er findet, dass die Heilige Nacht eine ausgezeichnete Wahl wäre, Davids letzter Tag auf dieser Erde zu sein.

Doch bis dahin würden noch viele Tage vergehen müssen. Einer wie der andere. Es macht keinen Unterschied mehr. Am Morgen wird es hell und am Abend dunkel. Und dazwischen …

Dazwischen versucht David jeden gottverfluchten Tag zu überleben und sich in Gedanken bereits auf Weihnachten zu freuen.

Er würde der Heiligen Nacht seinen eigenen, verführerischen Duft schenken.

Doch erst einmal streicht er den Samstag im Kalender durch. Der dritte im August.

Als er die Rollläden öffnet, streicht der Tag wie ein glühender Fächer durchs Fenster und zeichnet helle und dunkle Streifen auf den Teppich. Dazwischen tanzen Staubflocken.

David betrachtet sich die Straße. Wie an jedem Morgen steht er auf der rechten Seite des Fensters und blickt in den Vorgarten hinaus. Früher einmal blühten Blumen und Rosenbüsche, deren Namen David nicht kannte, vor dem Haus und verströmten einen süßen Geruch. Die Blumen waren Darleens Werk gewesen. Sie hatte ein Händchen dafür besessen und den kleinen Garten in jedem Sommer in eine kleine, bunte Oase verwandelt. David hatte ihr oft dabei zugesehen, einfach nur, um sie anzuschauen. Ihr Haar, das im Sommerwind glänzte, und ihre Augen, die den Sonnenschein einfingen und tausendfach widerspiegelten. Davids Beitrag zu ihrer kleinen Insel hatte darin bestanden, die einzelnen Büsche und Blumenbeete mit flachen Steinen miteinander zu verbinden, so dass Darleen zwischen den Farben umherhuschen und ihm die Eigenschaften mancher Blumen erklären konnte.

Diese Tage waren mit nichts auf der Welt zu vergleichen. Sie waren Davids liebste Erinnerungen geworden. Bilder, die er oft in den Nächten aus seiner kleinen Schatzkiste hervorkramt und sich betrachtet, während sein Herz zu zerspringen droht.

Die Sommer mit Darleen würde es nie wieder geben. Die Sonne würde sich nicht mehr in ihren Augen spiegeln und sie würde ihm auch nicht mehr zu erklären versuchen, durch welche Züchtungen manche ihrer Blumen entstanden sind.

Auch ihre Erzählungen über Darleens Großmutter, die ihr all das Wissen über Blumen vererbt hatte, waren für immer verstummt.

Seine Erinnerungen sind einfach nur noch Bilder. Starre, glatte Bilder, bar jeglichen Lebens. David kann sich nicht einmal mehr vorstellen, wie Darleen von einer Steinplatte zur nächsten gehüpft war. Er weiß nicht mehr, wie sich ihr Haar im Wind bewegte oder ihr Kleid ihren schlanken Körper wie einen Schleier umspielte.

Alles, was er noch hat, sind leblose Bilder. Stille, erstarrte Fotografien aus einer Zeit, in der alles anders war. Einer Zeit, in der er glücklich und nicht alleine war.

Bilder, die heute seinen wertvollsten Besitz darstellen.

Der Garten ist mittlerweile verwildert. Die Steinplatten sind unter Unkraut und Dornenranken verschwunden, die Rosenbüsche gleichen kahlen, abgestorbenen Skeletten, die sich verzweifelt dem Himmel entgegenstrecken. Anfangs hatte sich David noch um ihre kleine Oase gekümmert. In den ersten Tagen, als sich plötzlich alles verändert hatte, war er jeden Tag nach draußen gegangen und hatte Äste und Unkraut von den Büschen und Steinen entfernt. Es war wie in den Sommern mit Darleen gewesen. Er hatte sich vorgestellt, wie sie neben ihm stand und sich um ihre Rosen kümmerte, während er Äste und Dreck auflas. Darleen hatte die Angewohnheit besessen, mit ihren Blumen zu sprechen. Sie sagte, das würde ihnen beim Wachstum helfen und ihnen ihre Liebe vermitteln. David hatte sich in den ersten Tagen genau das vorgestellt. Wie Darleen in ihrer fleckigen `Garten-Jeans´ auf einer seiner Steinplatten stand und mit einer roten Rose redete. Er konnte ihre Stimme hören, tief in seinen Gedanken, und er glaubte sogar, ihr Parfüm in der Morgenluft riechen zu können. Wenn er dann wieder ins Haus ging, waren seine Hände schmutzig und seine Augen tränenfeucht.

Irgendwann war er dann nicht mehr nach draußen in die Oase gegangen, weil es ihn einfach zu sehr schmerzte. Stattdessen begnügte er sich damit, den kleinen Garten vom Fenster aus zu betrachten. Darleen war immer bei ihm, sprach mit ihren Blumen und lachte über alberne Scherze, die David machte und ihn in ihrer Gegenwart zu einem albernen Jungen werden ließen.

Wenn er jetzt aus dem Fenster sieht, ist der Garten still geworden. Darleens Stimme hat der Wind mit sich fortgetragen, die Farben der Blumen und Büsche sind verblasst und die Steinplatten verschwunden.

Zurück ist nur ein grauer Garten geblieben, unter dessen wucherndem Unkraut bald die letzten Erinnerungen erstickt sein würden.

David fragt sich, wie lange es wohl dauern mag, bis sich die Natur auch den Rest der Stadt genommen hat.

Er tritt vom Fenster zurück und steckt Darleens Foto in die Schatulle seiner Erinnerungen zurück. Er muss aufpassen, dass er mit seinen Fingern nicht die letzten Farben von ihr verwischt. Wenn Darleen erst einmal grau geworden ist, hat er gar nichts mehr.

Als er in die Küche geht, betrachtet er sich die Dosen, die er ordentlich in einer Ecke gestapelt hat. Früher befand sich an der Stelle das Körbchen für Bonzo, ihren Schäferhund. Jetzt stehen dort Davids Vorräte wie eine Pyramide aufgestapelt.

Er greift nach einer Dose mit eingelegten Pfirsichen, öffnet sie und schüttet sie mit dem Saft in einen Teller. Dann setzt er sich an den Tisch und beginnt langsam zu essen. Er sollte nichts Süßes mehr essen, hatte ihm Dr. Myers ungefähr drei Wochen, bevor alles endete, mit sorgenvoller Miene beizubringen versucht.

Scheiß auf Dr. Myers, denkt David, und genießt die schwere Süße des Pfirsichsaftes auf seiner Zunge.

Vielleicht würde er später am Tag noch in die Stadt gehen.

Während er isst und der Raum ihm dabei still zusieht, spürt er, wie sich eine unangenehme Kälte in seine Knochen schleicht.

Er kann sich nicht helfen, irgendetwas ist anders. Als würden sich unheilvolle Schatten unter den Türen hindurchzwängen und den Raum mit Dunkelheit füllen.

Nur dass der Raum sein Verstand ist. Irgendetwas verdunkelt seine Gedanken.

Selbst die Luft um ihn herum scheint an diesem Tag anders zu schmecken. Als hätte sich etwas lautlos herangeschlichen und die Luft mit seinem Gestank verpestet.

Etwas stimmt nicht, denkt er, und isst den Rest der Früchte. Der Zucker verklebt seine Lippen.

Scheiß auf Dr. Myers.