Leseproben

"Graues Land" - Trilogie

Die Legende von Arc´s Hill

Weitere Romane, Novellen und Serien.

Die letzten Kinder der Erde

»Sex and Drugs and Rock´n´roll«, lautet das erste Gebot in Steves ganz persönlicher Bibel.
Menschen wie Steve haben keine Freunde. Sie schwimmen gegen den Strom, leben nach ihrer eigenen Philosophie und ernähren sich hauptsächlich von Whiskey, Bier und Frauen, die es ihnen in nach Zigarren stinkenden Hinterzimmern billig und dreckig besorgen.
Für sie gibt es kein `Morgen´, nur das `Jetzt´. Sie tanzen jeden Tag auf der Klinge eines frisch geschliffenen Messers und beten, dass ihnen die Zehen nicht zerschnitten werden.
Menschen wie Steve stehen inmitten von Leuten, die sie nicht kennen, und die mindestens ebenso kaputt sind, wie sie selbst. Sie stehen in einem zugemüllten, nach Bier und Pisse stinkenden Stadtpark in einer Stadt wie Bakersfield gegen einen Baum gelehnt und klammern sich an die Träume einer Zeit, die sie nie so ganz in den Schatzkisten ihrer Erinnerungen begraben wollen.
Während die Gitarrenriffs sein Trommelfell malträtieren und die Bässe den Alkohol in seinem Magen zum Kochen bringen, denkt Steve an früher und kann sich eines Lächelns nicht erwehren.
Damals, als er Anfang zwanzig war, hatte er `Highway to hell´ von AC/DC geliebt. Das war zu einer Zeit, als er seine Haare genauso lang wie heute trug und eine vielversprechende Lehre als Automechaniker abgebrochen hatte, um mit seinen Kumpels, der Roadgang, wie sie sich selbstverherrlichend nannten, auf der Straße oder in verrauchten und dunklen Hardrock-Kneipen herumzuhängen. Es waren die Jahre, als er mit seinem Vater brach und versuchte, seine eigenen Fußspuren in der Welt zu hinterlassen. `Highway to hell´ war seine persönliche Hymne gewesen, denn auch wenn er es sich damals nie eingestanden hätte, so wusste er in jenen Tagen bereits, dass er sich spätestens mit dem Abbruch seiner Lehre auf dem Highway zur Hölle befand.
Seine Kumpels waren das, was man in den Siebzigern als Halbstarke bezeichnete.
Manche hatten, wie Steve, ebenfalls ihre Lehre in den Sand gesetzt, sofern sie sich überhaupt die Mühe gemacht hatten, sich um eine zu kümmern. Oder sie hatten Mädchen geschwängert, die für sie nur im Bett oder auf den Rücksitzen ihrer Autos von Nutzen waren, und entzogen sich jedweder Verantwortung, indem sie der einstigen großen Liebe einfach den Laufpass gaben und jeglichen Austausch von Körperflüssigkeiten lautstark leugneten.
Für Steve waren diese Menschen seine besten Freunde, die Roadgang seine Familie.
Wenn er sich heute zurückentsinnt, wird ihm auf schmerzliche Weise bewusst, dass er lediglich als kleiner, unscheinbarer Tropfen im Fluss seiner Kumpels mitgeschwommen war und keineswegs seine eigenen Fußabdrücke im Staub der Straßen hinterließ. Doch damals, in den späten Siebzigern, zu einer Zeit, als der Heavy Metal sich mit der Discowelle anlegte und es zu erbarmungslosen Kämpfen unter ihren glühendsten Verfechtern kam, fühlte er sich unbesiegbar und baute sich seine eigene, kleine Welt auf den Fundamenten von Hardrock und Metal auf.
He builts his city on rock´n´roll …
Dass sein Reich auf einem bröckeligen Sockel stand und um ihn herum einstürzte, ohne dass es Steve überhaupt bemerkte, wurde ihm viel zu spät bewusst.
Seine Freunde verschwanden, einer nach dem anderen. Sie wanderten entweder in den Knast oder verließen die Stadt aus dubiosen Gründen und wurden nie wiedergesehen - und wenn, dann erst unzählige Jahre später und unter ebenso zweifelhaften Umständen.
Zurück blieb Steve, ein junger Mann ohne Orientierungssinn, der nicht wusste, wohin er gehörte, und der es gerade einmal schaffte, im Wald nicht gegen den ersten Baum zu laufen.
Sein Vater hatte ihn offiziell aufgegeben, als er seine Lehre abgebrochen hatte, und seine Mutter war lange vor seiner rebellischen Zeit gestorben.
Außer seiner Gang besaß er keinerlei Freunde.
Zu jener Zeit erhob er `Highway to hell´ in den Stand seiner Lebensbeichte, so schwer es ihm damals auch gefallen war, diesen genialen Song für seinen eigenen Niedergang zu missbrauchen. Er fuhr den Highway ohne zu bremsen entlang oder auch nur einmal einen Blick in den Rückspiegel zu werfen, und besaß nicht genügend Verstand, um mitten auf der Straße zu wenden und zurückzufahren.