Leseproben

"Graues Land" - Trilogie

Die Legende von Arc´s Hill

Weitere Romane, Novellen und Serien.

Buch 5 "Das letzte Kapitel"

Der harte Steinboden ist mit feuchtem Stroh ausgelegt, das schwarz und vermodert anmutet. In einer Ecke des Kerkers kann ich Haufen getrockneter Fäkalien entdecken. Mit einem lautlosen Schrei auf den Lippen weiche ich gegen den harten Stein der Wand zurück. Mir schwindelt, und die Welt scheint sich ein klein wenig zur Seite zu neigen, fort von meinem Begreifen von Realität. Dabei bemerke ich, dass man mich meiner üblichen Bekleidung beraubt hat.
Trage ich seit ungezählten Jahren zerschlissene, graue Hosen aus Leinen und ein Hemd aus dem Fell eines Hundes, das mir Laura angefertigt hatte, so bin ich nun mit einem schlichten, weißen Lendenschurz bekleidet, der mir auf grausame Weise die Erbärmlichkeit meines toten Leibes vor Augen führt.
Meine nackten Beine sind blutverschmiert, abgezehrt und so dünn wie Stöcke. Ebenso Arme und Hände. Unter meiner mit Dreck verkrusteten Haut zeichnen sich Sehnen und Knochen ab.
Angewidert versuche ich mich mit dem klammen Stroh zu säubern. Doch sind die Wunden tief und beginnen sofort aufs Neue zu nässen.
Ich entsinne mich der schrecklichen Szenen des Morgens im Schein der Gaslaternen, als Anna wie totes Fleisch hinter dem niederen Dämon hergeschleift wurde. Ebenso des wolfsähnlichen Teufels, der mich mit triumphalem Glitzern in seinen kleinen Augen geschunden und in die kalte Asche der Erde gedrückt hatte. Zweifelsohne waren die Misshandlungen der Kreaturen nach meiner Ohnmacht weitergeführt worden.
Ich lasse von meinen Wunden ab und betrachte das düstere Gefängnis, in das mich die Brut gesteckt hat. Der Raum misst nicht mehr als zwei Körperlängen von einer Wand zur gegenüberliegenden. Auch habe ich Zweifel, dass ich aufrecht darin stehen könnte.
Eine unheimliche Stille herrscht in meinem Karzer. Als befände sich der Raum tief unter der Erde. Unbewusst entsinne ich mich der verlockenden Vorstellung, mich in der dunklen Umhüllung eines Grabes zu befinden. Doch bezweifele ich, dass dies der Ort ist, an den ich zu gelangen hoffe, sollte mir endlich Erlösung zuteilwerden. Der kleine Raum mutet eher wie ein Vorposten der Hölle an.
Ein schrecklicher, furchteinflößender Gedanke gedeiht in mir, dessen Sinn und Ursprung ich zunächst zu leugnen versuche.
Ich blicke mich nach allen Seiten um, starre auf die massige, mit schwerem Eisen beschlagene Tür, die mich von der Freiheit trennt, und versuche mit panischer Vehemenz diesen grausigen Gedanken zu unterdrücken, der, sich an meiner nackten Angst labend, langsam meinen Körper verpestet.
Doch so sehr ich mich dagegen erwehre, so sehr ich mich nach der Nacht meiner Gruft zurücksehne; alles spricht für die schreckliche Präsenz und die noch brutalere Wahrheit dieser stinkenden Erkenntnis.