Leseproben

"Graues Land" - Trilogie

Die Legende von Arc´s Hill

Weitere Romane, Novellen und Serien.

Buch 3 "Auferstehung"

Ihre Schritte hallten hart von den Wänden des langen Flures wider. Immer, wenn sie mit ihren bloßen Füßen durch eine der nach Fäulnis stinkenden Pfützen sprangen, gab es ein helles Klatschen, als würde Glas zerspringen. Ihr Atem ging schnell und schmerzte in der Brust. Schmutziger Schweiß glänzte auf ihren Körpern. Trotzdem drang ihr hohes Lachen wie das hysterische Schreien wilden Getiers durch das Gebäude.
Sie wussten, hier konnte sie niemand hören.
Der Junge war schneller als das Mädchen und ungefähr zehn Jahre alt. Die Sehnen seiner dünnen Beine traten bei jedem Schritt wie Stahlseile hervor, seine Arme flogen unkontrolliert durch die Luft. Das lange Haar wehte wie ein finsterer, verkrusteter Schleier hinter ihm her.
Das Mädchen  blieb immer weiter zurück. Sie war kleiner als der Junge und längst nicht so schnell. Ihre Hüfte schmerzte, ebenso ihre Beine. Doch sie rannte unbeirrt weiter, sprang über Unrat und durch modrige Wasserlachen, während ihre Kehle spitze, ekstatische Schreie ins Dunkel spie.
Sie wollte sich auf keinen Fall den Spaß entgehen lassen.
Als der Junge um die Ecke in einen der zahlreichen Seitengänge bog, schrie ihm das Mädchen etwas hinterher, in einer Sprache, die nur die Kinder verstehen konnten, und die nichts Menschliches an sich hatte.
Doch der Junge wartete nicht. Als sie die Ecke erreicht hatte, sah sie ihn einige Türen entfernt laufen, den Bambusstock wie ein Schwert hoch über dem Kopf kreisend und gegen die Wände schlagend. Seine Schritte verhallten bereits und hinterließen ein grässliches Echo in der engen Röhre des Korridors.
Trotz allem kicherte das Mädchen und rannte ihm unbeirrt hinterher, auch wenn sie kaum noch Luft bekam und Tränen ihre Sicht trübten.
Sie wusste, er würde warten, wenn die Jagd beendet war.
Das taten sie immer. Einer wartete auf den anderen, ehe sie sich auf ihre Beute stürzten. Es war eine der wenigen menschlichen Regeln, die sie leiteten.
Ansonsten gab es nichts mehr, das sie bändigte.
Das Mädchen schwang den schmalen Ledergürtel hoch in der Luft, als sie hinkend dem Jungen hinterherrannte. Ihre Hüfte schien in Flammen zu stehen, doch wusste sie nicht, wie sie sich verhalten sollte, wenn ihr Körper zu versagen drohte. Niemand hatte es sie jemals gelehrt, Schmerzen bewusst zu empfinden. So lange sie sich bewegen konnte, tat sie es.
Ihr Atem ging schnell, und immer wieder stieß sie gutturale Laute aus, die an das hungrige Geifern eines jungen Wolfes erinnerten.
Sie sah, wie der Junge vor einer der Türen stehen blieb.
Ihr Knurren verwandelte sich in schrilles, gackerndes Gelächter, das, den Schreien einer Wahnsinnigen gleich, von den kalten Wänden aus grauem Beton zurückgeworfen wurde.
Die Jagd war beendet.
Jetzt konnte der Spaß beginnen …