Leseproben

"Graues Land" - Trilogie

Die Legende von Arc´s Hill

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Der Schattenjunge

Wenn ich heute, elf Jahre später, an diesen Sonntag zurückdenke, höre ich immer noch das träge Ticken der Uhr, spüre die Kälte, die nicht, wie ich zuerst angenommen hatte, im Zimmer, sondern in meinem Herzen und meinen Gedanken geherrscht hatte, und höre das gedämpfte Weinen meiner Mutter durch die geschlossene Küchentür.
Simon war fort. Von einer Sekunde auf die andere. Als hätte es ihn nie gegeben.
In diesem einen Augenblick, als er zusammen mit dem Zirkusmann das Haus verließ, hatte ich die Tragweite dieses Gedankens nicht richtig erfassen können. Ich war acht Jahre alt und konnte nicht verstehen, dass man meinen Bruder aus meinem Leben gerissen hatte. Einfach so, ohne, dass ein Wort gesagt wurde, ohne, dass er mir noch einmal zugewinkt hätte.
Das Begreifen kam erst später, in den Tagen und Wochen danach.
Von jenem Sonntag an veränderte sich unser Haus. Heute kann ich sagen, dass wir keine Familie mehr waren, falls wir dieses Wort überhaupt jemals hatten in Anspruch nehmen dürfen. Damals spürte ich lediglich, dass sich etwas über das Haus gelegt hatte, was ich nicht verstand.
Meine Mutter redete kaum noch ein Wort, und wenn, dann lediglich mit mir. Meinen Vater ignorierte sie fast vollständig, ähnlich, wie sich dieser kaum um Simon gekümmert hatte.
Am Tisch sprachen sie kein Wort miteinander. Der einzige, der redete, war ich, doch ich ließ es bald sein, sodass wir unsere Mahlzeiten, die von jenem Sonntag an natürlich üppiger ausfielen, schweigend und ohne den anderen dabei anzusehen, einnahmen.
In der Nacht lag ich meistens wach und hörte meine Eltern streiten. Meine Mutter versuchte sich in den ersten Tagen gegen Lester aufzulehnen, ihrer Wut, die sie am Tage unterdrückte, freien Lauf zu lassen. Doch nach einigen beunruhigenden Geräuschen, die mich daran erinnerten, wie es sich anhörte, wenn man den Schweinen vom alten Bogart auf den Hintern klopfte, verstummte meine Mutter auch in der Nacht.
Mit dem Fortgang meines Bruders war eine tiefe Kluft zwischen den beiden entstanden, und ich bekam jeden Tag mehr den Eindruck, dass keiner dazu bereit war, diesen Krater wieder aufzufüllen. Meine Mutter der unsäglich tiefen Trauer wegen, mein Vater durch seinen krankhaften Stolz, den er immer schon zu Unrecht zur Schau getragen hatte.
Ich stand des Nachts oft am Fenster und starrte in den Garten. Die Wiese, auf der Simon mit mir Ball gespielt hatte, lag wie ein finsterer Teich vor dem Haus, einem dunklen Gewässer gleich, das meinen Bruder verschluckt hatte.
Unsere alte Holzbank am Ende des Gartens konnte ich von meinem Zimmer aus nicht sehen.
Aber wenn ich mein Ohr an die kalte Scheibe des Fensters legte, glaubte ich, Simons Stimme zu hören, wie er dort unten im Garten saß und aus einem seiner Bücher vorlas.
Doch es war nicht dasselbe, denn seine Stimme klang weit entfernt, und ich war mir sicher, dass sie mit der Zeit immer leiser werden würde. Bis sie eines Tages völlig verstummt sein würde.