Hier ein kleiner Ausschnitt meines 2014 erscheinenden Romans

GRAUES LAND - AM ENDE DER WELT

 

Mein Name ist Daryll.

 

Irgendwann einmal habe ich gemerkt, dass Menschen ihren Schrecken verlieren, wenn man ihnen Namen gibt. Aus diesem Grund werde ich mich immer daran erinnern, dass ich in meinem früheren Leben  einmal Daryll hieß.

 

Und deshalb heißt mein Kumpel auch Jim.

 

Es ist einer der seltenen Tage, an denen blasse Sonnenstrahlen wie ein Fächer durch die Wolkendecke brechen. Tage, die mir früher Hoffnung gegeben haben und mich an etwas zu erinnern versuchten, was ich längst vergessen habe.

 

Tage, die ich jetzt kaum noch wahrnehme. Das Land bleibt düster und farblos, daran können auch gelegentliche Lichtstrahlen, die so dürr wie die gebrechlichen Arme eines Sterbenden über die tote Erde streichen, nichts ändern.

 

Es ist Herbst. Welcher Tag, weiß ich nicht. Nicht einmal, welchen Monat wir haben.

 

Das einzige, was Sommer und Winter noch voneinander unterscheidet ist die Tatsache, dass die Tage im Sommer nicht ganz so kalt sind wie im Winter. Ansonsten gleicht ein Tag dem anderen; grau, verheert und ausgeblutet.

 

Ich lehne Jim gegen das verrostete Stahlgerüst einer alten Plakatwand, falte seine Hände im Schoß und setze mich ihm gegenüber auf die Straße.

 

Der Asphalt ist so kalt wie meine Gedanken, in den Rissen wächst Unkraut.

 

Während die letzten Sonnenstrahlen die Hügel hinter Freemansburg in ein bleiches Glühen tauchen, betrachte ich mir Jim, der eigentlich nicht Jim heißt.

 

Seinen richtigen Namen hatte er mir nie gesagt. Vielleicht wusste er ihn selbst nicht mehr. Namen haben in dieser Welt keine Bedeutung mehr. Die Ruinen der Städte und Dörfer, durch die wir gekommen waren, hatten alle ihre Namen verloren, ebenso die Straßen, die Felder und Gräser. Selbst unsere Erinnerungen sind namenlos.

 

Genauso verhält es sich mit uns.

 

Ich traf Jim vor einigen Monaten in einem alten Vergnügungspark. Warum ich mir die zerfallenen, von Staub und Moder zersetzten Karussells und Imbissstände ansehen wollte, kann ich heute nicht mehr sagen.

 

Vielleicht war es einfach nur die Langeweile, die mich in den Park trieb, die Flucht vor dem, was ich mein Leben nenne. In dieser Welt, in der ein Tag dem anderen gleicht und man sein Leben einzig an den Tatsachen orientiert, dass es am Abend dunkel und am Morgen hell wird, zieht sich jeder Tag zu einem nie enden wollenden Jahr dahin. Die Welt steht schon lange still, und nicht selten habe ich das Gefühl, dass auch die Zeit manchmal anhält, um sich zum Sterben niederzulegen. Kommt dann noch der Hunger dazu, macht man alles, um sich von der Einsamkeit und seinem leeren Magen abzulenken.

 

Vielleicht aber wollte ich mich einfach nur an eine Zeit zurückerinnern, in der alles anders war und ich ein Kind wie jedes andere sein konnte. An eine Zeit, in der die Erde und der Himmel noch nicht zu einer einzigen, grauen Masse verschmolzen waren.

 

Am wahrscheinlichsten aber war, dass ich damals in diesen Park ging, um nicht Gefahr zu laufen, mir die ganz besondere Kugel, die ich immer in meiner Hosentasche trage, in den Schädel zu jagen.

 

Als ich ein Kind war, liebte ich es, mit meinen Eltern in Vergnügungsparks zu fahren.

 

Damals, zu einer Zeit, die laut und bunt war, und deren Bilder ich kaum noch vor Augen habe, waren wir oft zu einem kleinen Abenteuerpark in der Nähe von Devon gefahren.

 

Wir, das waren meine Eltern, ich und ein Junge aus der Nachbarschaft, der in meiner Erinnerung genauso konturenlos wie alles andere geworden ist, und dessen Namen ich nicht einmal mehr weiß. Der Lärm hunderter von Menschen, der sich mit dem Duft von Zuckerwatte und gebratenem Fleisch zu einer bunt schillernden Wolke vermischte, hatte mich stets wie in süßer Trance durch diese Tage getrieben. Die Welt war an diesem Ort stets eine andere gewesen. Sobald wir durch den Eingang des Parks gingen, wurde ich von unsichtbaren Händen ergriffen, die mich von der Verführung gebrannter Mandeln hin zu Eis und Zuckerwatte zogen und mir dabei den Nervenkitzel der Karussells so lange näher brachten, bis mir schlecht wurde. Und selbst dann tobte ich noch zusammen mit meinem namenlosen Freund lachend und jauchzend, mit rotem Kopf und erschöpftem Gesicht durch die Menschenmassen und inhalierte tanzend den Duft meiner eigenen, kleinen Zauberwelt.

 

Der Park hingegen, in dem ich Jim traf, stank nach feuchter Erde, Abfall und vermodertem Holz. Und ein klein wenig auch nach den Untoten.

 

Das Tor am Eingang, das früher einmal eine riesige Zuckerstange darstellen sollte, war irgendwann einmal herunter gebrochen und lag wie ein verrotteter, schwarzer Wurm über dem Weg.

 

Die ehemals bunt bemalten Kassenhäuschen hatten sich in  dunkle Barracken mit blinden, vor Staub starrenden Fenstern verwandelt.

 

Als ich den Park betrat, tauchten Fetzen von Erinnerungen in meinen Gedanken auf. Doch die Bilder aus meinem früheren Leben hatten lange schon ihre Farben verloren und waren nur noch verschwommene Landschaften in schwarzen und weißen Abstufungen. Es war, als würde man Fotos ins Feuer werfen und dabei zusehen, wie die Zeiten verbrannten.

 

Mit in den Taschen meiner zerrissenen Jeans vergrabenen Händen schlenderte ich über die mit Farnen und Kraut überwucherten Wege und versuchte mir den hektischen Lärm vergangener Tage vorzustellen. Doch wenn man lange genug mit der Stille lebt, hat man selbst die Erinnerungen an Stimmen, Lachen und das mechanische Summen und Rattern der Fahrgeschäfte verloren.

 

Der Park war still und blieb es auch in meiner Vorstellung.

 

Während ich an Bahnen und Karussells entlang schlenderte, deren Zahnräder und Lenkstangen lange schon festgerostet waren und deren einst bunt schillernde Farbe ein bedrückendes Grau zurückgelassen hatte, verfluchte ich mich bereits. Ich hatte mir erhofft, mich durch die Erinnerungen an die alte Welt von dem kalten Cocktail aus Einsamkeit, Hunger und Depression abzulenken.

 

Doch die gespenstische Stille des Parks mit seinen überwucherten Wegen und teilweise eingestürzten Fahrattraktionen, den Sandverwehungen auf den Pfaden und umgestürzten Bäumen, die verrottete Pavillons unter sich begruben, brachte mir den Zerfall meiner Welt und meines Lebens so nahe, dass ich beschloss, die Ruinen einstigen Frohsinns so schnell es ging wieder hinter mir zurückzulassen.

 

Als ich zwischen einem Karussell mit schwarzen, schimmelfleckigen Pferden und den Überresten einer Imbissbude zum Ausgang rannte, traf ich auf Jim.

 

Er stand vor dem dunklen Eingang eines alten Theaters und zielte mit einer Schrotflinte auf mich.

 

Ich weiß noch, dass es sich bei dem Theater um eine Vogelshow handelte. Aber noch besser kann ich mich an den Schock erinnern, der uns Beiden in diesem Augenblick ins Gesicht geschrieben stand.