Ein kleine Ausflug in die Hölle von "DER SCHUPPEN"

 

 

Der Schuppen

 

 

»Walking with the devil on the

twisted Road.«

Neil Young

 

»Gott ist eine Idee,

der Teufel, das sind wir. «

Joe R. Lansdale

 

Prolog

 

Als ihr kalt wird, denkt sie an ihren Vater und an das, was er zu ihr

sagte, als sie ging.

Sie hatten sich nie sonderlich nahe gestanden, und wenn sie sich trafen,

was nicht mehr als drei Mal im Jahr vorkam, endete es zumeist in Diskussionen

und Vorwürfen.

Ihre beste Freundin hatte ihr einmal in einer Bar gesagt, sie könne sich

glücklich schätzen, ihren Vater so oft sehen zu können. Daraufhin hatte sie ihr

laut lachend angeboten, ihren Vater gegen einige Drinks und eine Nacht mit dem

jungen Latino hinter dem Tresen einzutauschen. Danach hatten sie sich ins

Getümmel verschwitzter Leiber, schlichter Ansprüche und kurzer Röcke geworfen, ohne zu ahnen, wie schnell ein junges Leben ausgehaucht werden kann.

Am letzten Tag, an dem sie ihren Vater sah, hatte sie ihm von Jason erzählt.

Sie wusste, dass er ihren neuen Freund nicht gutheißen und kein gerades Haar an

ihm lassen würde. Das war immer schon so gewesen, seit sie mit vierzehn den

ersten Jungen mit nach Hause gebracht hatte. Ihr fällt plötzlich, nach all den

Jahren, ein, dass der Junge damals Timmy hieß, eine Klasse über ihr gewesen war und eine für sein schmales Gesicht zu große Brille getragen hatte. Doch er war, wie zahlreiche andere nach ihm, nicht gut genug für Daddys little Girl gewesen.

Sie hatte im Laufe der Jahre gelernt, mit den Ansichten ihres Vaters

umzugehen und seine Tiraden schweigend über sich ergehen lassen. Meistens sieht sie aus dem Fenster, wenn er etwas mit seiner tiefen, barschen Stimme zu ihr sagt, oder sie beginnt Tassen und Teller auf dem Tisch in die richtige Position

zu rücken, was ihn regelmäßig zur Weißglut bringt.

Sie hasst die Diskussionen über ihre jeweiligen Freunde, ihren Job, in

dem sie ihr Potential nie würde entfalten können, oder eine neue Frisur, und

auch wenn sie es sich nicht eingestehen will, so hasst sie inzwischen auch die

Besuche in dem kleinen, dunklen Haus ihres Vaters.

Doch dieses Mal war etwas anders.

Als sie ging, nahm er sie in den Arm und strich ihr über den Rücken, was

er sonst nie tat. Sie erinnert sich an seinen warmen Atem in ihrem Ohr und den

Geruch von Schweiß und Tabak, der ihr das lange vermisste Gefühl von `Zuhause´ vermittelte.

Und natürlich an seine Worte, die sich für sie so fremdartig angehört

hatten, als hätte sie ihren Vater nie gekannt.

„Pass auf dich auf“, hatte er gesagt, während er sie im Arm hielt, und

seine Stimme hatte leise und bedrückt geklungen. Nur ein paar Worte, lapidar

und schlicht, und doch so unendlich wertvoll.

„Da draußen gibt es nur noch Verrückte.“ Dabei hatte er sie mit

ausgestreckten Armen von sich gehalten und angelächelt. Er war ihr noch nie so

fremd vorgekommen.

Als sie im Wagen saß und nach Baton Rouge fuhr, hatte sie über diesen

Moment nachgedacht. Dann waren zwei Songs von Freddy Mercury im Autoradio

gelaufen, und als sie Baton Rouge erreichte, waren die Worte des alten Mannes

bereits vergessen.

Jetzt, in der Kälte und unfähig sich zu bewegen, kommen sie ihr wieder in

den Sinn. Sie versucht zu weinen, doch sie besitzt keine Tränen mehr. Ein

Schluchzen rinnt ihre Kehle hinauf, verendet jedoch noch vor ihren Lippen.

Sie fragt sich, wann sie ihren Vater wohl wiedersehen wird und stellt sich ihren nächsten Besuch in dem schäbigen Haus an dem kleinen Bach vor. Als

Kind hatte sie das Gewässer und die Wiesen geliebt und sich in ihre eigene

Phantasiewelten geflüchtet, während das klare Wasser ihre nackten Füße umspielt hatte.

Jetzt weiß sie, dass sie den Bach nie wieder plätschern hören wird.

Ebenso wenig, wie sie ihren Vater wiedersehen wird.

Sie weiß, dass er sich von ihr verabschiedet hatte, als er sie in den Arm

genommen hatte.

Er hatte gewusst, dass sein kleines Mädchen es nicht schaffen würde, auf

sich aufzupassen.

Er hatte sie schon immer besser gekannt, als sie sich selbst.

Ihr ist kalt. Ihr Körper fühlt sich an, als würde er am Grunde des kleinen Baches liegen.

Neben ihr, an der Wand, hängt ein gelbstichiges Kalenderblatt aus dem

Jahr 1986. Einer der Tage ist darauf mit schwarzem Stift eingekreist.

Sie schließt die Augen und spürt einen Schmerz, der in ihrer Kehle beginnt und in ihrem Kopf brennt.

Doch sie schafft es nicht zu weinen …